SUZUKI GS 850 - Fahreindrücke

Die GS 850 G war ein modernes Oberklasse-Motorrad. Es war nicht nur schnell, sondern auch geschmeidig genug um zu Bummeln. Obwohl mit Kardan ausgerüstet, war ihre Einstufung als  "Tourer" zu kurz gegriffen. Wer Komfort, Fahrfreude und wenig Schrauberei erleben wollte, lag mit ihr richtig.
Man konnte mit diesem ausgeglichen Motorrad genauso gut über die Autobahn brettern oder sanft durch die Landschaft brummen. Sie war ein Partner ohne Reue - beinahe ein perfektes Motorrad für
den europäischen Markt. Die Techniker in Hamamatsu nahmen bei der Entwicklung besondere Rücksicht auf die Forderungen der Importeure. Manfred Kugler, Technikchef bei der Suzuki Motor-Handels-GmbH in München sagte klar: "Wir wollten diesmal keinen Ableger vom US-Markt, wir wollten ein Motorrad für uns; geschaffen für unsere Straßen, für unsere Art Motorrad zu fahren."
      
Der Vierzylindermotor - treibende Kraft
Durch Aufbohren des Vierzylinders der GS 750 auf eine Bohrung von 69 statt 65 mm sowie dem unveränderten Hub von 56,4 mm ergaben sich exakt 843 ccm. Dies erhöhte nicht nur die Leistung auf  56 kW (78 PS) bei 9.000 U/minvor sondern bescherte auch einen günstigeren Drehmomentverlauf. Ab 2.500 U/min konnte ruckfreie und vehement beschleunigt werden.
Störend waren die Vibrationen, die sich ab 5.000 U/min in Lenker  und den Fußrasten meldeten. Sie steigerten sich ab 6.000 U/min so sehr, dass das Bild in den Rückspiegeln verschwamm. Da versöhnte die schiere Kraft, denn nach nur 24 sec standen echte 201 km/h Spitze an und machten die Suzuki GS 850 G klar zu einem Sportler.
Beinahe typisch waren daher die Startschwierigkeiten, die vereinzelt vermeldet wurden. Wurde der günstig plazierte Choke nicht mit Gefühl betätigt, drehte der kalte Motor mit ungesund hohen Drehzahlen oder starb sofort wieder ab. Auch nahm die Maschine in der relativ kurzen Warmlaufphase schlecht Gas an.
   
Der Antrieb - ein Meisterstück
Der schrägverzahnte Primärantrieb, das Getriebe und die Kupplung - der GS 1000 entlehnt - gewährten eine hohe Laufruhe und hatten viel mechanische Reserven.
Die Sekundärwelle wurde über ein in Kegelrollenlagern aufgenommenes Kegelradpaar angetrieben. Das Kreuzgelenk der Kardanwelle lag perfekt im Schwingendrehpunkt, wodurch eine Längenänderung beim Ein- und Ausfedern vermieden wurde. Durch den Antriebsdämpfer im Hinterrad ließ sich die Suzi weich wie eine Kettenmaschine schalten.
Die Kardanwelle der Suzuki lief trocken, während das Sekundärkegelgetriebe gegen das Schaltgetriebe abgeschottet und mit Hypoid-Getriebeöl befüllt war.
Leider war der Hinterradausbau etwas umständlich, da hierzu einige Teile - auch der Auspuff - demontiert werden mußten.
   
Das Fahrwerk - fast ohne Mängel
Ganze Arbeit leisteten die japanischen Techniker auch beim Fahrwerk, um ungetrübtes Fahrvergnügen zu gewährleisten. Die Steuerkopfpartie wurde verstärkt, der Nachlauf, der Steuerwinkel und die Federungsabstimmung geändert. So hatte die GS 850 G einen beinahe begeisternden Geradeauslauf, die es ermöglichte, lange und ohne Pendelneigung bei Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs zu sein. Dennoch war sie nicht träge und schlug sich im Slalom genauso souverän.
Einschränkungen mußte man nur bei abgefahrenen Reifen hinnehmen. Dann schaukelte sich die Fuhre beim Überqueren des Mittelstreifens leicht auf. Der Grund lag eindeutig bei den Reifen, denn die Kegelrollenlager im Steuerkopf und der Hinterradschwinge waren eine stabile Lösung.
Die vorderen und hinteren Dämpferelemente boten vielfache Verstellmöglichkeiten. Die Federbasis der Telegabel war in 3 Stufen verstellbar, während die Stoßdämpfer in der Dämpfung 4-fach und in der Federvorspannung 5-fach angepasst werden konnten. Mit diesen 60 Möglichkeiten war der Kunde aber oft überfordert.
   
Stop and go
Die Doppel-Scheiben vorn und die hintere Einzelscheibe arbeiteten zwar gut, hätten aber aus hoher Geschwindigkeit etwas besser verzögern können.
Immerhin paßte die Sitzposition trotz des ungünstig geformten Lenkers für große und kleine Pilot(-inn)en.
Alles in allem bot Suzuki mit der GS 850 G exzellente Sportlichkeit und hohe Alltagstauglichkeit. Der Kardan war sicher nicht ihr einziger Trumpf. 

© Michael (04.10.03 )    [Start]